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Welche Fragen sind verschwunden? Auch die Zukunft kommt nicht ohne Traditionen aus. Selbst eine mit Mlle. de Scudéry zeitreisende Mme. de Sévigné müßte sich nicht gar zu sehr wundern, wenn sie beim Netzsurfen auf ein Internetmagazin stieße, das sich unerschrocken preziös "Salon" nennt. Wo immer aber ein Salon zum Verweilen, Sinnieren und Brillieren lädt, kann eine Preisfrage nicht weit sein. Elektronisch funktioniert sie nicht viel anders als zu Zeiten der Aufklärung und ihrer Debattierzirkel. In seinem Internetsalon (www.edge.org) verführt der Verleger und Literaturagent John Brockman zum Anfang des Jahres gelehrte Koryphäen gern zu Antworten auf solche Fragen. Diesmal hat er den Ritus selbst thematisiert und fragt nach Fragen, die keiner mehr stellt. Wir drucken heute auf den folgenden Seiten, gleichzeitig mit der "New York Times", eine Auswahl der oft in Wahrheit weiterfragenden Antworten ab. An die hundert Wissenschaftler, Philosophen und Publizisten der sogenannten "Dritten Kultur" nehmen am Spiel teil, haben aber die Spielregeln nicht alle gleich verstanden. Warum eine Frage verschwindet, kann schließlich viele Gründe haben. Vielleicht ist sie beantwortet, vielleicht auch nicht zu beantworten, was freilich in der Regel den intellektuellen Spieleifer um so heftiger stimuliert, vielleicht aber war die Frage auch von Anfang an nicht fragenswert. Ihre Lieblingsfragen, meint die versammelte Cyberprominenz, werden indes zu Unrecht nicht gestellt. Es kann vorkommen, daß da wieder das Abendland seine traditionellen Schatten wirft. Der Biologe Brian Goodwin, als komme er gerade aus dem "Tannhäuser" und wandle nach Wagners Anweisungen auf Wolfram von Eschenbachs Spuren, will in der Tat wissen: "Woher kommt die Liebe?" Natürlich gibt es näherliegende Fragen, wird, in unterschiedlicher Tonlage, die Problematik der E-Mail ergründet, die Wissenschaft als linguistische Revolution, das Versprechen der Künstlichen Intelligenz, das Bewußstein von Computern, das Wesen der Information und, noch resoluter ins Klassisch-Philosophische geweitet, der Begriff der Realität. Andy Clark, der Philosoph und Neurologe, reißt an, warum es etwas anstelle von nichts gibt. Wissenschaft muß sich außerwissenschaftlich rechtfertigen, indem ihre Moral geprüft, ihr Dogma analytisch nicht verschont wird. Was ungefragte Fragen uns lehren, fragt, wohl nicht zufällig, ein Chaostheoretiker, während das unter Verdacht geratene "Warum?" samt Abgründen ein Quantenphysiker testet. Erstaunlich bleibt, wie in diesem wissenschaftlichen Potpourri, in dem niemand vor den Grenzen des Wissens zurückschreckt und die sichere Erkenntnis der kreativen Spekulation vorzieht, die Metaphysik ihre Macht behauptet. Eschatologische Fragen, auch wenn sie nicht länger in Mode seien, so meint ein Fragesteller und Antwortgeber, warteten nur auf eine neue Sprache. Derweil benutzen seine Kollegen munter das alte Vokabular. Als sei der Millenniumswechsel erst ein einziges Mal über die Weltbühne gegangen, wird nach der Existenz des Schöpfers gefragt und sogar nach seiner Natur. Der Physiker und Nobelpreisträger Leon M. Lederman kommt uns definitiv einsteinisch, fragt nicht nur, ob Gott Würfel spiele, sondern liefert auch noch eine antieinsteinische Antwort: "Sie würfelt höllisch gut." Wir präsentieren Drahtseilakte grenzüberschreitender Wissenschaft und Wissenschaftler, ganz ohne Netz und doppelten Boden, jedoch nicht ohne Humor. |
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