Press File


[German] [English]
<<previous |•| next>>

Die Woche - December 8, 2000

 

 

DER SIEG DER DRITTEN KULTUR

Der Rekord fiel waehrend der Frankfurter Buchmesse. Die Firma des ruehrigen New Yorker Literaturagenten John Brockman handelte fuer einen Astrophysiker und Autor von Pop-Science -Buechern, mit dem US Verlag Knopf einen Vertrag fuer 2 Millionen Dollar aus. Das war die hoechste je fuer ein popu laeres Wissenschaftsbuch gezahlte Summe.

Der Deal kommt nicht ueberraschend. Denn Naturwissenschaft und Technologie sind en vogue wie nie zuvor. Apokalyptische Visionen einer drohenden Weltherrschaft der Nano-Roboter, die es noch nirgendwo gibt, oder Versprechen eines gentechnisch auf 150 Jahre verlaengerten Lebens finden nicht nur in den Wissenschaftsressorts kritischen Anklang. Anders als in den USA kuemmern sich hier zu Lande auch die Feuilletons, allen voran das der "FAZ", fasziniert und besorgt um die Bedeutung der Fruchtfliege, die sonderbaren Wahlen zur Internet -Regierung Icann oder die im Argen liegende Forschungsfoerderung Deutschlands. Ein Paradigmenwechsel hat stattgefunden, der so schnell keine Abloesung finden wird.

Zu Zeiten des Kalten Krieges schien sich das Schicksal in der Politik zu entscheiden. Aufklaerung, Emanzipation und Gerechtigkeit waren die grossen Themen, die sich Intellektuelle zur Besserung der Welt auf ihre Fahne geschrieben hatten. Heute, da die Demokratie fester im Sattel sitzt, bemerken viele Zeitgenossen, die sich noch engagiert am Historikerstreit oder spaeter an der Debatte ueber das Holocaust-Mahnmal beteiligten, dass auch Gen-Patente und das Internet ueber unser Menschen-Los entscheiden.

Weder Juergen Habermas noch Hans Magnus Enzensberger landen deshalb auf dem Muell. Nur wissen die angegrauten Mandarine wenig Rat, wenn es darum geht, zu erklaeren, wie Technologie und Naturwissenschaft mit Siebenmeilenstiefeln unsere Welt veraendern. Um etwa das Klonen zu verstehen, die genetische Selektion von im Reagenzglas gezeugten Embryonen oder den Gefuehle ausdrueckenden rotlippigen Roboterkopf Kismet am Bostoner Massachusetts Institute of Technology (MIT), hilft der klassische Bildungskanon allein nicht mehr weiter. Die Bausteine eines neuen Weltbilds muss sich die alte Intellektuellen-Riege deshalb vorlaeufig von den Agenten der technologischen Revolution zuliefern lassen.

Der unvermeidliche Schulungsbedarf hat so einem neuen Typus des Intellektuellen Auftrieb gegeben den Repraesentanten einer "dritten Kultur". Die griffige Formel hat das PR-Genie Brockman aus einer alten Kladde des britischen Romanciers und Physikers C. P. Snow gefischt. Snow behauptete 1959, die geistige Kultur der westlichen Welt sei in zwei unversoehnliche Lager zerfallen, in Natur- und Geisteswissenschaften, denen es nicht gelingen will, miteinander zu kommunizieren. Die Hoffnung Snows galt deshalb einer "dritten Kultur", in der sich humanistisch gebildete Koepfe die Lingua franca der Physiker und Biologen durch Nachsitzen aneignen sollten.

Brockman kehrte das Schlagwort kurzerhand um: Die dritte Kultur, das sind fuer den Geschaeftsmann die von ihm vertretenen Naturwissenschaftler mehr als 150 an der Zahl. Sie machten, wie Brockman sagt, "die tieferen Bedeutungen unseres Lebens sichtbar und definieren so neu, wer und was wir sind". Unter ihnen finden sich so renommierte Namen wie der Evolutionsbiologe Richard Dawkins ("Das egoistische Gen"), der Psychologe Daniel Goleman mit seinem Weltbestseller "Emotionale Intelligenz" oder der Kognitionspsychologe und MIT -Forscher Steven Pinker ("Wie das Denken im Kopf entsteht"). Zu Brockmans Klienten zaehlt auch der in Fachkreisen hoechst umstrittene Physiker Rupert Sheldrake er glaubt an die hellseherischen Faehigkeiten von Hunden mittels "morphogenetischer Felder".

Es ist kein Zufall, dass die Stimme der Wissenschafts-Avantgarde nicht aus deutschen Labors, sondern aus den USA herueberschallt. Amerika darf sich nicht nur der Erfindung des Internets ruehmen, im Abonnement alljaehrlich Nobelpreise fuer Physik, Chemie und Medizin abraeumen und das weltweit reichste Forschungsparadies sein Eigen nennen, das Spitzenforscher aus der ganzen Welt in die Staaten lockt. Die sprachgewandten US-Wissenschaftler bedienen zudem weit virtuoser als ihre europaeischen Kollegen die Klaviatur der Medien. Eloquent ueberraschen sie mit Einblicken in Gen, Gehirn und Nano -Welt, setzen sie aus den harten Fakten der Technologie und Naturwissenschaft ein Mosaik der Zukunft zusammen.

Auf diese Aufgabe sind die Autoren aus Brockmans Stall gut vorbereitet. Das in Deutschland so rare Talent der Selbstdarstellung fuer deutsche Professoren immer noch mit dem Makel des Unserioesen behaftet benoetigen sie aber auch, um in der freien Wildbahn des akademischen Betriebs zu ueberleben. Wem es nicht gelingt, das Publikum fuer die eigene Sache einzunehmen, um den ist es in den Staaten finanziell oft schlecht bestellt. Bei staatlichen Organisationen wie dem National Institute of Health, der National Science Foundation oder dem an Innovation stets interessierten Verteidigungsministerium balgen sich Forscher aus dem ganzen Land um die Geldtoepfe ein bisschen Show kann da nicht schaden.

Bisweilen freilich schiessen diese Wissenschaftler in ihren Buechern oder Zeitschriftenbeitraegen kraeftig uebers Ziel hinaus. So phantasiert sich der Robotiker Ray Kurzweil auf der Basis von Moores Gesetz, nach dem sich die Rechengeschwindigkeit der Computer alle 18 Monate verdoppelt, in die Schwindel erregenden Visionen einer kuenftigen Roboter Gesellschaft da verschwimmt der wissenschaftliche Umbau eines Weltbildes zu gewagter Sciencefiction. Kurzweil prophezeit, ein durchschnittlicher Computer werde im Jahre 2019 so schnell denken wie ein menschliches Gehirn; 2029 besitzt er ein eigenes Bewusstsein und 2099 sind alle Unterschiede zwischen Mensch und Maschine gefallen. Doch daraus spricht mehr die Liebe zum eigenen Rechner als ein profundes Verstaendnis fuer die voellig andersartige Architektur des menschlichen Gehirns.

Doch in dem Masse, wie die Gentechnik oder Computerwissenschaft nachhaltig unsere Lebenswelt veraendern, so wandeln sie unumkehrbar auch unser Menschenbild. Der Einfluss, den etwa ein akademischer Superstar wie Jacques Derrida in den 80er und 90er Jahren hatte, war jenseits der Elfenbeintuerme verschwindend gering. Zu abstrakt und abgehoben waren die Gedankengaenge des franzoesischen Philosophen. Die noch junge Debatte um den Einfluss der Gene auf unser Verhalten dagegen ist mittlerweile nahezu jedem vertraut dazu braucht man nicht einmal den Verhaltensforscher Edward O. Wilson zu kennen, der die Soziobiologie in den 70er Jahren aus der Taufe hob.

Ob nun redlicher Werkstattbericht oder utopische Zukunftsvision: Die Forscher befriedigen das Beduerfnis nach einem metaphysischen Sinnspender. Denn sie erzaehlen uns, woraus wir gemacht sind, woher wir kommen und was noch vor uns liegt. Damit bekommt eine Aussage des Physikers und Naturphilosophen Carl -Friedrich von Weizsaecker aus dem Jahre 1958 erst heute ihre volle Gueltigkeit: "Der Wissenschaftler rueckt ungewollt in die Rolle eines Priesters dieser saekularen Religion ein. Er verwaltet ihre Geheimnisse, ihre Prophetie, ihre Wunder."

Nach Jahrzehnten des Desinteresses am Treiben der bebrillten Sonderlinge im Laborkittel umflort die Naturwissenschaftler heute ein heiliger Glanz, der selbst gewagte Prognosen in den Rang einer Verheissung erhebt. Doch anders als Priester muessen Wissenschaftler

ernsthafte Aussagen mit Experimenten belegen, um glaubwuerdig zu bleiben oder jene praktischen Anwendungen vorfuehren, die unser Leben so radikal veraendern sollen.

Ob die Superstring-Theorie mit nur zehn Dimensionen auskommt oder vielleicht doch elf benoetigt, um die vier Elementarkraefte der Natur unter den Hut der von Physikern so lange herbeigesehnten Einheitsformel zu bringen, beruehrt unseren Lebensalltag kaum. Die notwendige Aufklaerungsarbeit leisten die populaeren Vertreter der dritten Kultur, indem sie uns auf den tief greifenden technologischen Wandel einstimmen, der sich ringsum ankuendigt: Mikrochips, die Nervenbahnen vernetzen und uns ein Stueck weit in Cyborgs verwandeln; Chimaeren, aus tierischen und menschlichen Zellen geschaffen, die uns mit Organen versorgen sollen; genetisch manipulierte Pflanzen auf allen Feldern und Fluren der Welt und eines Tages vielleicht auch Nano-Roboter, die wie Bakterien durch unsere Blutbahnen rasen. Diese Visionen beruehren unsere unmittelbare Zukunft. Und wir tun gut daran, uns fuer sie zu interessieren.



The Victory of the Third Culture:

The record occurred during the Frankfurt Book Fair. The company run by the vibrant literary agent John Brockman negotiated a $2 million contract between US publisher Knopf and Brian Greene, an astrophysicist of New York's Columbia University and author of pop-science books (The Elegant Universe). This was the highest sum ever paid for a science book. The deal comes as no surprise, since natural science and technology are in vogue like never before. Apocalyptic visions of a coming world takeover by nanorobots (which currently don't exist) or promises of a life genetically prolonged to 150 years receive critical attention not only in science departments. In contrast with the USA, the arts pages here have also taken notice, above all the FAZ, which has been fascinated by and concerned with the meaning of the fruit fly, the strange choices of the Internet-governing ICANN or the lack of promotion of German research. A paradigm shift has taken place that will not find a solution anytime soon.

During the Cold War it appeared that destiny was to be decided in politics. Enlightenment, emancipation, and justice were the most important themes for intellectuals interested in improving the world. Today, because democracy is sitting more comfortably in the saddle, many contemporaries still engaged in studying historical conflict or taking part in the debate over the holocaust memorial have noticed that gene patents and the Internet will also decide our human future.

Neither Jürgen Haberbas nor Hans Magnus Enzensberger land in the garbage because of this. Only the greying mandarins have little advice when it is necessary to explain how technology and natural science are changing our world with seven league boots. In order to understand something about cloning, genetic selection in embryos raised in test tubes, or the feelings of the expressive, red-lipped robot head Kismet at Boston's MIT, the classic canon of education alone is no longer enough. The old circles of intellectuals must allow the agents of the technological revolution to deliver the building blocks of a new world image.

The unavoidable requirement of education has promoted into prominence a new type of intellectual: the representative of a "third culture." The PR-genius Brockman fished the catchy formula out of an old book by the British novelist and physicist C.P. Snow. Snow suggested in 1959 that Western culture had been split into two irreconcilable camps, the natural sciences and humanities, that had not been successful in communicating with one another. Snow's hope was therefore for a "third culture" in which those humanistically educated minds should communicate the work of physicists and biologists in the lingua franca.

Brockman turned the key word around: The third culture is for this businessman the scientists whom he represents—more than 150 in number. They make, as Brockman says, "the deeper meanings of our lives visible and define who and what we are." Among them are to be found such renowned names as evolutionary biologist Richard Dawkins (The Selfish Gene), psychologist Daniel Goleman (with his worldwide bestseller Emotional Intelligence), or the MIT cognitive psychologist and researcher Steven Pinker (How the Mind Works). Also among Brockman's clients is Rupert Sheldrake, a highly controversial physicist in scientific circles who believes in the clairvoyant powers of dogs through means of "morphogenetic fields."

It is no coincidence that the majority of the scientific avant garde does not come from German laboratories, but comes blaring from the USA. America lays claim not only to the invention of the Internet, a subscription of annual Nobel Prizes in physics, chemistry, and medicine, and the world's most research-rich paradise, attracting to the States the leading researchers from around the world. The well spoken US scientists are also able to push the buttons of the media with much more virtuosity than their European colleagues. They astonish us eloquently with insights into the genome, the mind, and the nano-world, assembling a mosaic of the future out of the hard facts of technology and natural science.

The authors in Brockman's stable are well prepared for this assignment. The talent of self-representation—a rare ability for German professors still occupied with the faults of the trivial—is also necessary to survive the wild course of holding academic office. In the States if one is not successful in attracting the public for a particular subject, one is often not financially in demand. At state organizations such as the National Institute of Health, the National Science Foundation or at the Defense Department (which is always interested in innovation) researchers from around the country are clamoring after the pot of gold—a little show can never hurt.

Sometimes these scientists aim openly and powerfully at this goal in their books and magazine articles. Robot-builder Ray Kurzweil fantasizes about the foundation of Moore's Law, according to which the computing speed of computers doubles every 18 months, in his exciting visions of a future robot society. Here the line between the scientific reconstruction of our world view and plain science fiction becomes blurred. Kurzweil prophesizes that an average computer in the year 2019 will think as quickly as the human mind; in 2029 it will possess its own consciousness; and in 2099 all differences between the human and the machine will have collapsed. Here speaks more the love of one's own calculator than a profound understanding of the completely different architecture of the human mind.

Still, in general, just as genetic engineering or computer science makes lasting changes in the world in which we live, our image of ourselves changes irreversibly. The influence of such an academic superstar as Jacques Derrida in the '80s and '90s was the other side of the limited, disappearing influence of the ivory tower. The thought paths of the French philosophers were too abstract and alienating. The still recent debate over the influence of the gene on our behavior, however, is now familiar to everyone. For this one does not need to know the behaviorist Edmund O. Wilson, who dredged social biology from the depths in the 1970s.

What of these lab reports or utopain visions of the future? Researchers satisfy the need for a metaphysical authority, because they explain to us what we are made of, where we came from, and what lies in front of us. In this respect, a 1958 statement by the physicist and natural philosopher Carl-Friedrich von Weizsäcker achieves validity only today: "The scientist moves unwanted into the role of a priest in this secular culture. He administers its mysteries, its prophecies, and its wonder."

After decades of a lack of interest due to bespectacled geeks in lab coats, there blossoms around natural scientists a holy sheen, which lifts up daring prophecies into the rank of a promise. But unlike priests, scientists must accompany their serious proclamations with experimentation in order to remain beliveable, or to carry out those applications that are supposed to change our lives so radically.

It hardly affects our everyday life if superstring theory comes up with only ten dimensions, or maybe needs eleven, in order to bring the four elementary forces of nature under the one, unifying formula for which physicists have sought for so long. The popular representatives of the third culture carry out the necessary clarification as they include us in the deep-reaching technological change announcing itself around us: microchips that network nerve pathways and begin to transform us into cyborgs; chimeras created from human and animal cells that could supply us with organs; genetically manipulated plants on all fields of the world; and one day maybe even nanobots that race through our blood system like bacteria. These visions stir our impending future. And it would do us well to take interest in them.